Fortbildung zur/ zum Präventionsbeauftragten ist im Schuljahr 2018/19 vor allem im Großraum Würzburg sehr gefragt

Der 15-Jährige, der beim Vorbeigehen aus Versehen den Po der Mitschülerin berührt. Die Lehrerin, die Schülern beim Erklären öfter zu nahe kommt. Der Schulleiter, der in der Konferenz oft einen flapsigen Spruch zu den jüngeren Kolleginnen sagt. Alles Grenzverletzungen, die es so nicht geben dürfte, die es aber Tag für Tag an Schulen gibt. Die Evangelische Schulstiftung in Bayern hat daher vor einigen Jahren mit dem Münchner Verein Amyna eine Fortbildung entwickelt, mit der an den Schulen Präventionsbeauftragte qualifiziert und Schutzkonzepte für die jeweilige Einrichtung entwickelt werden sollen. Gerade läuft die zweite Fortbildungsrunde - mit vielen Teilnehmern aus Unterfranken.

Rita Freund-Schindler von der Evangelischen Schulstiftung koordiniert die Fortbildung. "Ein Schutzkonzept berücksichtigt viele verschiedene Aspekte und Perspektiven", erläutert die pädagogische Referentin. Am Ende soll ein Strauß an Bausteinen zusammenkommen, die gemeinsam das Schutzkonzept ergeben. Dazu gehören etwa die Verankerung des Schutzes vor sexueller Gewalt im Leitbild der Einrichtung, oder auch ein Verhaltenskodex für Schüler und Mitarbeitenden, die Aufklärung über Kinderrechte, Partizipation, Fortbildungen für Lehrer und Eltern, Krisen- und Handlungsleitfäden, Präventionsangebote, und das Wissen, wer in der jeweiligen Einrichtung der Ansprechpartner für dieses Thema ist.

"Auch die Risikoanalyse spielt bei alledem eine Rolle - also: ermöglichen unübersichtliche Räume Übergriffe? Gibt es Situationen, die von Tätern oder Täterinnen ausgenutzt werden könnten?", sagt Freund-Schindler. Solche Fragen seien der Ausgangspunkt für Schutzvereinbarungen, die klar und verbindlich regelten, wie ein professioneller, grenzenachtender Umgang aussehen soll. Durch die Schutzvereinbarungen sollen nicht nur Kinder und Jugendliche vor sexuellem Missbrauch, sondern auch Mitarbeitende an der Schule vor falschen Anschuldigungen geschützt werden: "Sie stellen klar, welches Verhalten erwünscht ist und regeln den Umgang in Situationen mit besonderer Nähe für alle gleich. "

Gerade nach dem jüngst bekanntgewordenen Fall eines Würzburger Logopäden, der in Kitas Jungen missbraucht und kinderpornografische Aufnahmen gemacht haben soll, fragen sich viele: Was bringen all die Bemühungen der Einrichtungen? Kann ein Schutzkonzept Missbrauch verhindern? "Jein", sagt Freund-Schindler, denn: Dass es Täter gibt, die mit hoher krimineller Energie versuchten, ihre ehrenamtliche und berufliche Laufbahn so zu gestalten, dass sie Zugang zu Kindern erhalten, könne auch ein noch so gutes Schutzkonzept nicht verhindern. Aber Schutzkonzepte könnten es solchen Personen erschweren, sie erhöhen die Hemmschwelle, betont sie: "Sie zeigen: Wir schauen genau hin!"

Gleich mehrere Würzburger Schulen haben Mitarbeiter zur zweiten Ausbildungsrunde der Schulstiftung angemeldet - darunter auch das evangelische Dag-Hammarskjöld-Gymnasium. Schulleiter Hermann Berst sagt, seine Einrichtung befasse sich schon seit Jahren mit den Themen der Prävention, dem Verfahren bei einem sexuellen Übergriff sowie dem Verdacht auf Missbrauch.
Man habe hierzu bereits einen Krisenleitfaden für Verdachtsfälle eingeführt. "Die Themen sind wichtig und schwierig", sagt Gymnasial-Schulleiter Berst, es brauche deswegen in jeder Schule Personen, "die sich verbindlich damit auseinandersetzen und als allseits bekannte Ansprechpartner zur Verfügung stehen". Ein abgeschlossenes Schutzkonzept gebe es am Gymnasium derzeit noch nicht, "hier stehen wir noch am Anfang". Aber es gibt bereits ein Präventionsteam, dem Schüler, Eltern und Lehrkräfte angehören. Man habe einen Raumcheck gemacht: "Das ist mit Blick auf unseren Umbau besonders wichtig." So können nötige Veränderungen eingeplant und umgesetzt werden. Und bei den "Dienstagsimpulsen" werde nun jede Woche ein Kinderrecht vorgestellt, erläuterte Schulleiter Berst weiter. Dies sei ein guter Anlass, um mit den Kindern und Jugendlichen an der Schule ins Gespräch zu kommen: "Was sind meine Rechte? Und wo bekomme ich Unterstützung, wenn diese Rechte verletzt werden?"

 

Auch am Zentrum für Körperbehinderte beschäftigt man sich mit dem Thema - und zwar seit Jahren, wie Sandra Zeitz aus der Schulleitung betont. Die Ernennung von drei Präventionsbeauftragten und auch die Teilnahme an der Fortbildung der Schulstiftung seien nur ein weiterer von vielen Bausteinen. Man arbeite derzeit intensiv am Schutzkonzept, erste Leitplanken seien den verschiedenen Berufsgruppen sowie dem Elternbeirat bereits vorgestellt worden. Vorschläge seien zum Beispiel, das ganze nächste Schuljahr unter das Motto "Kinderrechte" zu stellen, einen für alle verbindlichen Verhaltenskodex einzuführen, einen Flyer zum Thema aufzulegen oder eine Beschwerdekultur zu etablieren.

"Sexualisierte Gewalt kann Schüler an allen Schulen betreffen - in der Schule, in der digitalen Welt oder im häuslichen Umfeld. Die gibt es überall. Das muss man sich eingestehen", erläutert Freund-Schindler. Ein erster Schritt sei, wenn Kollegen nicht mehr wegguckten, sondern Beobachtungen zu seltsamen Aussagen oder Verhaltensweisen direkt ansprechen. "Es muss eine Veränderung in der Haltung geben", betont die Referentin: "Wenn Schüler mit diesem Thema auf eine Lehrkraft zukommen, müssen sie ernst genommen werden und kompetente Unterstützung bekommen. Dazu braucht es Fortbildung und eine unterstützende Haltung der gesamten Organisation."

Diese Veränderungen bräuchten Zeit. Mitarbeiter, Eltern, Träger, Schüler, alle müssten "mitgenommen" werden, sagt Freund-Schindler. Die Teilnehmer der ersten Fortbildungsrunde, etwa die Fachakademie für Sozialpädagogik in Rummelsberg, die Mädchenrealschule auf der Hensoltshöhe Gunzenhausen, das Sonderpädagogische Förderzentrum Bad Windsheim oder auch die Evangelische Kooperative Gesamtschule Wilhelm-Löhe-Schule seien bereits auf diesem Weg - die Löhe-Schule wird am 16. Mai mit dem Präventionspreis der Schulstiftung geehrt. Sie habe die Denkanstöße aus der Fortbildung vorbildlich umgesetzt.

Qualifizierung von Präventionsbeauftragten für evangelische Schulen

Die AbsolventInnen der ersten Qualifizierung zu Präventionsbeauftragten, einer Fortbildung zur Entwicklung von Schutzkonzepten an Evangelischen Schulen in Bayern konnten am 20. April 2018 ihre Zertifikate in Empfang nehmen.

Der Vorstand der ESSBAY hat Fördermittel für den zweiten und dritten Durchgang der Qualifizierungsmaßnahme zur Verfügung gestellt und die Wiederholung der Qualifikationsmaßnahme beschlossen.

Dies und eine großzügige Spende der Evangelischen Bank ermöglichen uns, eine sehr qualifizierte Maßnahme zu sehr günstigen Konditionen anbieten zu können. Wir freuen uns, hierfür erneut Frau Christine Rudolf-Jilg von AMYNA e.V. München als Referentin gewonnen zu haben.

Evangelische Schulen können den Flyer bei s.pablitschko(a)essbay.de anfordern. Der Flyer steht aber auch hier zum Download zur Verfügung.

 

Folgende Termine sind geplant:

Modul 1: 14.-15.10.19

Modul 2: 11. 12.19

Modul 3: 10.03.20

Modul 4: 01.-02.07.20, alle im Caritas-Pirckheimer-Haus, Nürnberg

Prävention sexualisierter Gewalt an Evangelischen Schulen in Bayern

Den Trägern evangelischer Schulen ist es wichtig, unter dem Motto: "miteinander leben, lernen, glauben im Spielraum christlicher Freiheit" Kindern und Jugendlichen einen Lebensraum zu eröffnen, der ihnen ethische und geistliche Orientierung gibt und in dem sie vielfältige Kompetenzen entwickeln können. Um dieses Ziel zu erreichen, ist ein respektvoller und Grenzen achtender Umgang mit den Kindern und Jugendlichen besonders wichtig.

Deshalb setzen sich die Mitglieder des Stiftungsrates für den Schutz der ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen vor Grenzverletzungen, Übergriffen und körperlicher, seelischer und sexualisierter Gewalt ein.

 

 

Der Stiftungsrat empfiehlt den Trägern evangelischer Schulen, Schülerheimen und Internaten in Bayern die Implementierung

  • des Krisenleitfadens bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch durch Personal gegenüber Kindern und Jugendlichen
  • des Handlungsleitfadens zum Vorgehen bei Verdacht auf sexuelle Übergriffe durch Kinder und Jugendliche
  • des Handlungsleitfadens zum Vorgehen bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch und andere Formen der Kindeswohlgefährdung bei Kindern oder Jugendlichen

unter Berücksichtigung der zugehörigen Checkliste an ihren Schulen.


Der aktualisierten Krisen- und die Handlungsleitfäden sowie die zugehörige Checkliste zur Implementierung wurden allen Schulleitungen und Schulträgern mit Mail vom 27.06.2017 zugesandt.

Wir unterstützen Sie gerne auf Anfrage bei der Implementierung und mit Fortbildungsangeboten zu allen Aspekten der Prävention